Erinnerung braucht Orte
Rund 100 interessierte Bürgerinnen und Bürger folgten am 17. August 2026 der Einladung der Gemeinde Twist zu einem besonderen Vortragsabend im Heimathaus Twist. Im Mittelpunkt stand die Geschichte des ehemaligen KZ-Außenlagers Versen und die Frage, wie die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen bewahrt und an kommende Generationen weitergegeben werden kann.

Nach der Begrüßung durch Bürgermeisterin Petra Lübbers führte Moderator Manfred Fickers durch den Abend. Einen persönlichen Blick auf die Geschichte und die Erfahrungen der Nachkriegsgeneration gab Heinz Kathmann. Als Bruder des verstorbenen Günter Kathmann erinnerte er an dessen großes Engagement für die Erinnerungskultur und berichtete aus der eigenen Kindheit in Versen. Dabei wurde deutlich, wie wenig man damals über die Vorgänge in unmittelbarer Nähe gewusst habe. Zeichnungen und Skizzen von Jens Martin Sörensen sowie Auszüge aus einem Tagebuch vermittelten zusätzliche persönliche Eindrücke aus dieser Zeit.
Besonders eindringlich wurde es, als Heinz Kathmann auf die Lebensbedingungen der dänischen Häftlinge einging. Die Zustände im Lager waren für die Gefangenen unerträglich. Auch die sogenannte „Scheißerei-Baracke“ wurde dabei thematisiert und machte deutlich, unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen die Häftlinge leben mussten.

Anschließend stellte Dr. Hermann Krüssel auf Grundlage bislang nicht übersetzter dänischer Tagebücher und Zeitzeugeninterviews neue Erkenntnisse zur Geschichte des KZ-Außenlagers Versen vor. Dabei ging er unter anderem auf die unterschiedlichen Lagerkommandanten ein. Krüssel unterschied zwischen der grausamen und von Gewalt geprägten Lagerführung unter Werner Schäfer und dem von den dänischen Häftlingen deutlich positiver bewerteten Nachfolger Rudolf Günther. Moderator Manfred Fickers wies zugleich darauf hin, dass zu den noch zu erforschenden Aspekten auch eine differenzierte Betrachtung der Frage nach den Tätern gehöre.
Im Mittelpunkt des weiteren Abends stand die ehemalige Listenführungsbaracke auf dem Gelände der heutigen JVA Meppen-Versen. Uli Schönrock, ehemaliger Gefängnisseelsorger der JVA Meppen, stellte den aktuellen Stand zur Sicherung und zum Erhalt des Gebäudes vor. Die rund 70 Meter lange Baracke wurde 1938/39 errichtet und diente der Lagerverwaltung. Als letzte erhaltene Täterbaracke des ehemaligen KZ-Außenlagers Versen besitzt sie eine besondere historische Bedeutung. Gleichzeitig ist das Gebäude vom Verfall bedroht.
Krüssels Vortrag mündete deshalb in ein eindringliches Plädoyer für den Erhalt und die Sanierung der Baracke. Schönrock erläuterte, dass derzeit zwar eine Sicherung des Gebäudes vorgesehen sei, eine Sanierung jedoch nicht, obwohl Fördergelder vorhanden wären, die aufgrund bürokratischer Hürden bislang nicht in Anspruch genommen werden konnten. In der anschließenden lebhaften Diskussion wurde deutlich, welche Bedeutung ein authentischer Ort für die Erinnerung haben kann. Eine dänische Nachfahrin berichtete beispielsweise, dass sie erst durch die Beschäftigung mit der Geschichte des Lagers die lebenslange „Kälteempfindung“ ihres Vaters verstanden habe.
Gerade solche persönlichen Erfahrungen machten deutlich, dass Erinnerung nicht allein durch Bücher und Dokumente lebendig gehalten werden kann. Originale Schauplätze ermöglichen einen unmittelbaren Zugang zur Geschichte und können insbesondere für kommende Generationen eine wichtige Funktion in der historischen und politischen Bildung übernehmen.
Die Diskussion zeigte das große Interesse der Anwesenden und zugleich die Bereitschaft, sich weiter mit der Geschichte der Lager Versen und Fullen auseinanderzusetzen. Die einhellige Schlussfolgerung des Abends lautete: „Die Baracke muss saniert werden!“ Sie könnte künftig ein wichtiger Ort der Erinnerung, des Gedenkens und der politischen Bildung werden.

Zum Ende der Veranstaltung bedankte sich Petra Lübbers bei den Referenten Heinz Kathmann, Dr. Hermann Krüssel und Uli Schönrock sowie bei Moderator Manfred Fickers für den spannenden und aufschlussreichen Abend und überreichte ihnen als Zeichen des Dankes ein Präsent. Ihr Dank galt ebenso den Familien Krüssel und Kathmann für ihr Engagement und ihren Beitrag zur Aufarbeitung und Vermittlung der Geschichte sowie allen Gästen, die durch ihre Teilnahme und ihre Beiträge zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hatten.
Der Abend machte eindrucksvoll deutlich: Erinnerung braucht Orte, braucht Engagement und braucht Menschen, die bereit sind, Geschichte sichtbar zu halten.
